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Societas Humboldtiana Polonorum, III. INTERNATIONALER KONGRESS: ``Wissenschaft und Gesellschaft im Dialog''

Nikolaus-Kopernikus-Universität, Torun, 21.-24. September 1995

Podiumsdiskussion ``Multimediale Kommunikation und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft''

Fünf Thesen und Eine Frage

Dafydd Gibbon

  1. Jedes Gespräch ist multimedial: Multimediale Kommunikation umfaßt die Datennetze, ist aber fest verwurzelt in Techniken und Metaphern der Alltagskommunikation und herkömmlicher Arten technischer Vernetzung (Telefon, elektronische und gedruckte Massenmedien, Schriftverkehr, Transport). Eine qualifizierte geistes- und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der ``Meta-Vernetzung'' dieser Systeme fehlt: Semiotik und Linguistik, Soziologie und Psychologie des multimedialen Verhaltens sind nicht in Sicht.

  2. Symbole statt Masse: Die eigentliche Medienrevolution ist eine geistig-intellektuelle. Die Ersetzung von materiellen Gütern durch Symbole, von Handlungen durch Worte, der Transports von gestalteter Energie statt Materie bedeutet eine Potenzierung menschlicher Fähigkeiten, aber nur der Fähigkeiten, mit reflektierten, theoretisch bereits erfaßten mechanischen Abläufen immer komplexerer Struktur operational umzugehen. Rechner haben zwar metaphorisch ``Intelligenz'', setzen aber intelligente ``Interakteure'' voraus, den Entwickler und den Nutzer als anonyme Fremde, oder aber in einer Person.

  3. Kostenexplosion: Digitale multimediale Netze sind horrend teuer: Word-Wide-Web-fähige Internet-Anschlüsse für große Institutionen wie Universitäten kosten zwischen einem Viertel und einer halben Million Mark im Jahr. Hier entsteht auch ein Widerspruch zwischen dem tatsächlichen Aufwand und der Wahrnehmung des typischen Nutzers, daß das Internet nichts koste. Ohne den erklärten Willen verantwortlicher Akteure in Wissenschaft, Tehnik, Wirtschaft und Politik werden überregionale Solidarisierungen wegen fehlenden Bewußtseins der ökonomischen Notwendigkeiten partikularen Interessen weichen.

  4. Die ``Info-Elite'': Die Dynamik, die unter anderem von den enormen Kosten von der Medienrevolution ausgeht, ist die Bildung einer demokratisch wenig verantwortungsvollen Machtkonzentration bei einer inflexiblen Netzverwaltungsbürokratie oder bei autoritären Machtgourmets, die eine media illiterate breite Öffentlichkeit mit Erweiterungen der Mechanismen der bisherigen Massenmedien zu fast beliebig erfaßbaren und beeinflußbaren Knotensammlungen in den Netzen abstrahieren und dadurch manipulierbar machen.

  5. Big Brother: Die kommerziellen online-Dienste bieten die Möglichkeit der lückenlosen Überwachung und Dokumentation des multimedialen Verhaltens einzelner Nutzer als Rohstoff für eine ``virtuelle Industrie'' der netzgestützten Verhaltensbeeinflussung. Hier bieten integrierte Betriebs- und Kommunikationssysteme wie Microsoft Network enorme Möglichkeiten für die kommerziell motivierte Manipulation. Die Antwort ist mit Sicherheit nicht, großer Bruder des Big Brother sein zu wollen.

  6. Subversion und Hoffnung: Gegenüber den klassischen geographisch-politischen Kommunikationsstrukturen (Kontinente, Länder, Regionen) und den kommerziellen Verkehrsverbindungen, die, beispielsweise verkörpert in multinationalen Konzernen, quer zu diesen Strukturen liegen, bieten die Datennetze -- jedenfalls das bisherige Internet -- völlig neue Möglichkeiten für Interessengruppen jeglicher Art: Academia, Kunst und Kultur, underground politics -- Stichwort Cyberbosnia, bis hin zu terroristischen Organisationen und Vertreibern extremster Pornographie. Kontrolle ist nicht möglich. Kann die Antwort Aufklärung und Konsensbildung sein?





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Dafydd Gibbon
Tue Sep 19 20:37:40 MET DST 1995